Blog

TOLEX Website-7.png

Make or Buy?

Von Thomas Hohn | Senior E-Learning-Experte & fester TOLEX-Kooperationspartner



Synchrones und asynchrones Lernen


Die Corona-Pandemie hat einem bis dahin weitgehend in einer Nische stattfindendem Lernformat ungeahnte Dynamik gegeben: den Live-Online-Seminaren über Tools wie MS Teams, Zoom, Big Blue Button, Webex und viele weitere. Viele Bildungsanbieter haben hier in kurzer Zeit als Alternative oder Ergänzung zum Präsenz-Lernen beachtliche Anstrengungen unternommen und ihr Portfolio um solche Online-Angebote erweitert. Diese „synchronen“ Formate, die organisatorisch und didaktisch oft sehr stark den Präsenzseminaren ähneln und das gemeinsame Lernen in Echtzeit und meist limitierten Gruppengrößen ermöglichen, sind aber nur eine Facette des digitalen Lernens, auch wenn sie aktuell sehr häufig im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Parallel dazu gibt es die „asynchronen“ Lern-Formate, die orts- und zeitunabhängiges Lernen ermöglichen und daher bezüglich der Anzahl der Teilnehmenden beliebig skalierbar sind: die klassischen E-Learning-Formate. E-Learning setzt aber in der Regel nicht nur ein Lern-Management-System (LMS) wie z.B. ILIAS oder Moodle voraus, auf dem diese Angebote gehostet werden, sondern auch entsprechende Erstell-Tools (Autorentools). Und in Zeiten immer stärkerer Nutzung von Smartphones bekommt die Responsivität eine immer mehr Bedeutung: Onlinekurse sollten heute möglichst auch auf Smartphones eine gute Figur machen und in Mobile-Learning- freundlichen Lernhäppchen serviert werden. Eine weitere Anforderung, die nicht jede Software gleich gut löst!


Make or buy als strategische Frage


Das gemeinsame Lernen in Präsenz hat gerade im Handwerk und in der Baubranche eine lange Tradition und aufgrund des hohen Anteils an manuellen Tätigkeiten und Fertigkeiten eine auch zukünftig große Bedeutung. Dennoch: Lernen nach Corona sieht anders aus, ist vielfältiger und auf mehr Kanälen erlebbar. Nicht alles muss zwingend in Präsenz und vor Ort stattfinden. Und die Lerner:innen schätzen zunehmend die große Flexibilität von E- Learning, verbunden mit einer Reduktion von Reise-/Zeitaufwänden und einer höheren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Während der Umstieg auf digitale Echtzeit-Formate bei den meisten Anbietern längst erfolgreich vollzogen ist, gehört die Produktion bzw. der Einkauf von E-Learning-Lösungen und ein damit zusammen hängendes Lern-Management- System (LMS) oft noch nicht zum etablierten Standard. Inwieweit man zukünftig auch asynchrone E- Learning-Formate selbst konzipiert und produziert oder lieber extern einkauft, hängt von vielen Faktoren ab und ist letztlich eine strategische Entscheidung. Eine große Rolle spielt hier auch die wichtige Frage, ob der Bildungsanbieter schon länger auf Online- Lernen setzt und hier ggfs. schon ein eigenes LMS betreibt. Oder ob es im eigenen Team bisher wenig Erfahrungen und technische Infrastruktur hierfür gibt. Die folgenden Punkte sollen dabei helfen, der eigenen Positionierung in dieser Frage näher zu kommen.


„Make“: E-Learning do-it-yourself


Ist bereits ein Lern-Management-System (LMS) vorhanden, inklusive der Mitarbeiter:innen, die sich hierum kümmern, liegt die Wahrscheinlichkeit höher, dass auch eine Eigenfertigung in Betracht gezogen wird. Davon unabhängig gibt es aber einige Vorteile, die oft in Zusammenhang mit einer Eigenfertigung genannt werden:

  • Authentizität & Individualität eigenen Contents

  • Volle Kontrolle über das Produkt, keine zu klärenden Lizenzfragen mit Dritten

  • Kein Angebotsvergleich und kein Briefing von Externen nötig

  • Schnelle Veränderung und Problemlösung

  • Auf lange Sicht geringere Sachkosten im Vergleich zur externen Vergabe


Eine Umsetzung der „Make“-Strategie wird jedoch nur gelingen, wenn im eigenen Team auch die Rahmenbedingungen hierfür förderlich sind. Das sind vor allem:

  • Motivierte Mitarbeiter:innen mit medien- didaktischem Grundwissen und Lust auf den Umgang mit eigener Produktionstechnik

  • Bereits vorhandene Produktionstechnik (z.B. Kameras/Licht/Stative/Mikros/GreenScreen) bzw. ein dafür eingeplantes Einkaufsbudget

  • Eine eigene oder fremde Hosting-Plattform

  • Eine/mehrere Lizenzen für ein E-Learning- Autorentool und Kenntnisse & Erfahrungen im Umgang damit

  • Ausreichend freie Zeitressourcen für die Einarbeitung in neue Technik und Tools


Insbesondere der Zeitfaktor ist nicht zu unterschätzen: Eigenfertigung setzt Geduld und Ausdauer voraus. Und: Üben, üben, üben. Gerade wenn man nicht nur einzelne Medienformate (z.B. Videos) selbst produzieren möchte, sondern ein Mix mehrerer Formate oder komplette Online-Kurse, wird es schnell ziemlich komplex und zeitaufwändig. Wichtig ist auch, schon vorab zu klären - mit internen Stakeholdern und der Leitung, aber auch z.B. dem Marketing - welche Messlatte an das finale digitale Lernangebot gelegt wird. Denn Medien, die „quick and dirty“ selbst produziert sind und vielleicht sogar als Teil eines größeren Bildungsproduktes am Markt verkauft werden, sind zwar authentisch, liegen in ihrer Qualität aber oft unter dem, was man seinen Zielgruppen auf anderen Kanälen bietet: Bis man eine mit externen Lösungen vergleichbare Qualität erzielt, vergeht oft viel Zeit. Gibt es hierzu vorab kein Commitment bei allen Beteiligten, kann die Eigenfertigung schnell zum Problemfall werden.


Ein Beispiel: Mit den heute marktüblichen Smartphones lassen sich Videos mit beeindruckender Bildqualität erzielen. Doch je weniger Gedanken man sich vorab über die Inhalte, die Dramaturgie und z.B. die Lichtverhältnisse vor Ort macht, umso mehr Aufwand steht in der Nachbearbeitung an - was wiederum entsprechende Kenntnisse bzgl. Videoschnitt voraussetzt. Hinzu kommt die meist nur sehr mäßige Qualität der in den Smartphones verbauten Mikrofone. Im Ergebnis kann es passieren, dass trotz hoher Motivation aller Beteiligten Lernangebote entstehen, die weder die internen Entscheider noch die externen Zielgruppen überzeugen. Während Präsenz- Trainer:innen auf unterschiedliches Verhalten und Feedback ihrer Teilnehmer:innen quasi in Echtzeit eingehen und viele Situationen mit Spontaneität und didaktischem Geschick lösen können, sind vorproduzierte Kurse bzw. Medien quasi "auf sich gestellt“.


„Buy“: Externer Einkauf von E-Learning


Die Alternative zum Auf- oder Ausbau eigener Produktionskapazitäten ist der externe Einkauf von E- Learning-Angeboten. Diese gibt es meist entweder fertig produziert, quasi „von der Stange“, bei unterschiedlichen Anbietern - als lizenzbasierte Inhalte. Oder als Individualproduktion, indem externe Agenturen und Mediendienstleister beauftragt werden. Beide Wege haben gemeinsame Vorteile:

  • Die Bildungsmanager:innen im eigenen Team sparen erhebliche Zeitressourcen für Produktion, die sie z.B. für planende, steuernde oder konzeptionelle Aufgaben ansetzen können

  • Die Ergebnisqualität liegt im Durchschnitt meist deutlich höher / auf Markt-Level

  • Es muss keine eigene Produktions-Hardware bzw. Software vorgehalten werden, externe Partner bringen eigene Technik und Tools mit ein

  • Neue Formate und Pilotprojekte können über die externe Beauftragung einer oder mehrerer Dienstleister flexibel und schnell realisiert werden

Gleichzeitig sind die eigenen Personalkosten in der „buy“-Variante zwar geringer, aber Lizenzkosten oder Produktionshonorare je nach Größe der Zielgruppe oder Volumen der Produktion dafür dann oft entsprechend hoch. Rahmenverträge mit längeren Laufzeiten, eine saubere Auftragsklärung und innovative Modelle der Auftragsfinanzierung können hier geeignete Instrumente sein, um Kosten zu senken bzw. zu deckeln. Wertvoll für eine Entscheidung sind auch die Praxiserfahrungen, die Netzwerk-Kontakte und andere Institutionen bereits mit der einen oder anderen Variante gesammelt haben. Und auch hier gilt: es gibt mehr als nur schwarz oder weiß. Es kann z.B. sinnvoll sein, sich hier für eine Mischform zu entscheiden. Indem man beispielsweise standardisierbare folienbasierte E- Learning-Angebote selbst erstellt oder einkauft, aber aufwändigere Film- oder Medien-Produktionen oder komplexere Kurse von externen Partnern konzipieren und produzieren lässt. Bei den meisten Anbietern ist ein kostenloses unverbindliches Erstgespräch obligatorisch und kann gut genutzt werden, um die eigene Entscheidung bestmöglich vorzubereiten und abzusichern.




Diese vielleicht etwas überspitzte Grafik zeigt letztlich aber ein ganz generelles Dilemma: die beste aller Lösungen wird es eher nicht geben. Jede Alternative führt automatisch zu nötigen Kompromissen an anderer Stelle. Der verständliche Wunsch, eine Lösung zu finden, die gleichzeitig kostengünstig, schnell und dazu auch noch qualitativ hochwertig ist, dürfte somit wohl meist unerfüllt bleiben. Es hängt auch stark von den Charakteristika der Zielgruppen sowie der eigenen Positionierung im Markt ab. In vielen großen Konzernen geht der Trend bei der Weiterbildung der angestellten Mitarbeiter:innen aktuell in Richtung inhouse produzierter Inhalte, wobei man hier natürlich bedenken muss, dass diese die Lernangebote kostenfrei nutzen und dazu auch noch in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen. Mindere Qualität beispielsweise ist hier nicht per se sofort ein Ausschluss-Kriterium in Bezug auf eigenproduzierte Inhalte. Wer aber als Bildungsanbieter seine Seminare und Lehrgänge kostenpflichtig am Markt platziert und dabei auch im Wettbewerb steht, dürfte gut beraten sein, den Output auch daran zu messen, inwieweit er auf die Erwartungen der potenziellen Lerner:innen sowie die Ziel- Positionierung der eigenen Marke einzahlt.