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Lerntransfer: Wie gelingt nachhaltige Berufsbildung?

Im Interview mit der TOLEX-Manufaktur: Jan Vilbrandt | Instructional Designer Techniker Krankenkasse & TOLEX-Kooperationspartner


Jan Vilbrandt arbeitet im Hauptberuf seit mehr als 25 Jahren bei der Techniker Krankenkasse und ist als Personalentwickler in dieser Funktion verantwortlich für die Konzeption von digitalen Lernmedien (Onlinetrainings, elektronische Lernprogramme, E-Learning) und die Einführung neuer digitaler Lernformate und Lernsoftware. Seit 2017 ist er nebenberuflich als Bildungsberater und Instructional Designer tätig und erstellt in dieser Funktion u.a. individuell zugeschnittene elektronischen Lernmedien für verschiedene Kunden.


Welche Veränderungen im Lernverhalten von Menschen erlebst du in den letzten Jahren?


Standen früher hauptsächlich oft nur Präsenzseminare (also Schulungen in einem Raum mit Lehrkraft und Lernenden) zur Verfügung, so wird heute den Lernenden ein meist sehr breites digitales Lernangebot aus firmeninternen und öffentlichen Quellen (Internet) angeboten. Lernende nutzen gern ein orts- und zeitunabhängiges Angebot, um Lernen und private Verpflichtungen wie Familie oder die Pflege von Angehörigen miteinander vereinbaren zu können. Gerade für Teilzeitkräfte oder Alleinerziehende bieten diese digitalen und kleinteiliger gefassten Angebote überhaupt nur eine Möglichkeit, an der eigenen Bildung und damit der Karriere zu arbeiten. Haben Menschen früher meist umfangreiche Handbücher bemüht oder eine Bibliothek aufgesucht, um sich Wissen anzueignen, reicht heute ein Griff zum allgegenwärtigen Handy oder Tablet, um den Wissensdurst zu stillen. Jungen Menschen sind heute diese alten Verhaltensmuster wie die Bücherrecherche auch kein Begriff mehr, weil sie volldigitalisierte Mitglieder der modernen Gesellschaft sind und einen schnellen und unkomplizierten Zugriff auf Wissen erwarten und auch einfordern. Nicht zuletzt kann auch die Entscheidung für oder gegen einen Ausbildungsbetrieb damit stehen oder fallen, ob es ein breites - auch digitales - Lernangebot gibt und Beruf bzw. Ausbildung mit dem privaten Leben vereinbar sind.


"Blended Learning" ist in aller Munde: Wo siehst du Chancen und Potenziale dieses Lernformates?


Blended Learning Formate (englisch „to blend“– vermischen) bieten unterschiedliche Lernformate in kleineren Lerneinheiten und unterstützen damit die Herangehensweise an den Lernstoff. Denn Menschen lernen unterschiedlich: Manche bevorzugen das gesprochene Wort, andere lesen gern, viele sind aber auch eher haptisch veranlagt und möchten etwas anfassen bzw. bewegen. Insbesondere im Handwerk und in der Baubranche ist gerade der haptisch veranlagte Lerntyp oft anzutreffen. Haben Lernende zum Beispiel Zugangsprobleme zu großen geschriebenen Lernstoff-Mengen, so können kleine Lerneinheiten in einer Methodenmischung (Methodenmix) helfen, diese Zugangsprobleme zu reduzieren und einen größeren Lernerfolg fördern.


Der berufliche Alltag von Handwerker:innen ist von einem hohen Anteil manueller Tätigkeiten geprägt: Verträgt sich das mit rein digitalen Lerninhalten?


Digitale Inhalte können jederzeit immer wieder abgerufen werden. Erklärt dagegen eine Lehrkraft in einem Präsenzseminar eine bestimmte Vorgehensweise, so ist diese nur genau in dem Moment des Zeigens verfügbar. Digitalisierte Erklärvideos hingegen können die Lernenden jederzeit abrufen, immer wieder erneut ansehen und einzelne Handgriffe so detailliert nachvollziehen – also 24 Stunden / 7 Tage die Woche – unabhängig vom Ort. Ein digitales Medium, zum Beispiel ein Erklärvideo, lässt sich auch spontan als Hilfe auf der Baustelle oder an der Werkbank auf dem Smartphone anschauen. Dem Handwerk und der Baubranche eröffnen sich hier noch umfangreiche Möglichkeiten, die praktische Aus- und Weiterbildung durch digitale Formate zu unterstützen.


Interessant wird es, wenn die Möglichkeit, mit dem Smartphone zu arbeiten und zu lernen, mit Augmented Reality (AR) kombiniert wird. Die AR ist eine Erweiterung unserer Realität. Stellen Sie sich vor, der Auszubildende im KFZ-Betrieb nutzt die Smartphonekamera in einer speziellen AR-App dazu, einen Motor aufzunehmen. Die spezielle AR-App analysiert das gerade aufgenommene Bild, erkennt den Motortyp und zeigt live auf dem gerade zu sehenden Bild ein über den Motor gelegtes Video, welches den Aufbau des Motors erklärt. Der Motor wird auf dem Bildschirm virtuell zerlegt und Hinweise auf bestimmte Arbeitstechniken werden gegeben. Auch das Lernen mit AR bietet sehr spannende Möglichkeiten. Lernende können mit AR Werkzeuge oder andere Gegenstände in einer Werkshalle regelrecht erforschen und so vieles zum aufgenommen Objekt lernen und gleich ausprobieren. Digitale Lernangebote können so schnell zum täglich gelebten Berufsalltag im Handwerk und der Baubranche werden und ergänzen effektiv die Aus- und Weiterbildung.


Thema Nachhaltigkeit: Hat berufliches Lernen in Deutschland noch ein Problem mit dem Transfer des Gelernten in den Alltag?


Es kommt darauf an, wie man „Lernen“ versteht. Wir lernen in etwa zu 10% in formalen Angeboten, z.B. in Seminaren oder mit E-Learning (Onlinetrainings, digitale Lernkurse). Ca. 20% unseres Lernens erfolgt durch gegenseitiges Vermitteln von Wissen während der Arbeit und 70% unseres Wissens eignen wir uns in der täglichen Arbeit durch neue Herausforderungen und das Anwenden des vorhandenen Wissens an (Quelle: 70:20:10 Modell, Jennings, Wargnier: „The new frontier for the extended enterprise“). Ich bin der Meinung, dass wir uns noch der Herausforderung stellen müssen, wie wir insbesondere die 10%, also das formale Lernen im Seminar, in der Berufsschule usw. mit der eigenen Arbeitspraxis verbinden und nachhaltig gestalten. Berufsschule und Seminar sind vom Arbeitsplatz getrennt. Dieses wird auch entsprechend so wahrgenommen. Im Betrieb wird gearbeitet, in der Schule oder im Seminar wird gelernt. Dadurch werden künstlich Hürden hochgezogen, die mühsam überwunden werden müssen.


Bei Präsenzseminaren sehe ich das Problem, dass versucht wird, zu viel Theoriewissen in zu kurzer Zeit zu vermitteln, ohne dabei zu berücksichtigen, dass die Verfestigung von Wissen ein Wiederholen und Üben im konkreten Arbeitskontext erfordert. Ich befürworte zwar nach wie vor das gemeinsame Lernen in einem Seminar, diese Lerneinheiten sollten aber m.E. verstärkt für einen gemeinsamen Austausch und das gemeinsame Üben verwendet werden. Durch die gemeinsame Präsenz und das sich miteinander Beschäftigen werden auch gleichzeitig soziale Kompetenzen verfestigt. Das Vermitteln des Theoriewissens gehört nach meiner Auffassung eher in die asynchronen - zumeist digitalen - Formate wie Erklärvideos, Onlinetrainings, usw. Mit Hilfe von Blended Learning Angeboten kann ein reines Präsenzseminar gut in ein Blended Learning Format überführt werden, welches über einen längeren Zeitraum angeboten wird und auch zwischen den einzelnen Formaten die Möglichkeit bietet, zu üben und das Wissen anzuwenden. Dadurch wird auch eine Überforderung der Lernenden verhindert, da so nicht „zu viel“ Lernstoff in der kurzen und komprimierten Zeit eines Präsenzseminars vermittelt wird. Außerdem wird durch den Methodenmix und die jederzeit für alle verfügbaren Materialien insbesondere den leistungsschwächeren Lernenden die Möglichkeit geboten, Inhalte immer wieder zu wiederholen. All diese Einzelaspekte können letztlich dazu beitragen, die Motivation der Lernenden zu halten und sogar zu steigern.


Wie würdest Du ein optimales Lernangebot aus heutiger Sicht beschreiben?


Für mich stellt sich ein optimales Lernangebot wie folgt dar: Der Lernstoff wird sinnvoll in eine Reihenfolge gebracht und in kleinere Lernangebote mit verschiedenen Lernmethoden verpackt (Methodenmix). Alle diese Lernangebote, die aufeinander aufbauen, ergeben eine Lernreise (englisch: „Learner Journey“), die den Lernenden Halt und Richtung vorgibt. Die Lehrkraft, die bisher als Seminarleitung fungiert hat, tritt jetzt mit der Rolle als Lernbegleitung (Tutor) an die Lernenden heran und steht während der Lernreise für Rückfragen zur Verfügung (z.B. per Mail, Telefon, Videokonferenz) und führt synchrone Lernangebote wie Präsenzseminare (in kleiner Form) oder Webinare durch. Die Lernreise bietet darüber hinaus asynchrone Angebote, für die die Lernenden sich flexibel zeitlich entscheiden können, da sie jederzeit digital abrufbar sind. Diese Angebote können z.B. Erklärvideos, Onlinetrainings oder auch digitale Dokumente (PDF-Dateien usw.) beinhalten. Interaktive Aufbereitung von digitalen Lernangeboten sowie umfangreiche Übungsangebote im Präsenzformat unterstützen die Lernenden, die jeweilige Lernreise zu absolvieren.


Wo siehst Du Herausforderungen?


Selbstverständlich müssen diese neuen Lernformate ansprechend und modern aufgebaut sein. Außerdem sollten unbedingt Übungen (am besten an echten Aufgaben im Berufsalltag) und interaktive Sequenzen in den Onlinetrainings eingebaut sein. Wichtig ist der Methodenmix, um Eintönigkeit zu vermeiden. Eine tutorielle Begleitung ist notwendig, damit sich die Lernenden nicht allein gelassen fühlen. Außerdem muss auch der Situation Rechnung getragen werden, dass nicht bei allen Lernenden die Selbstlern- Kompetenz ausreichend vorhanden ist. Hier ist unbedingt eine Begleitung und Steuerung – nach Bedarf – notwendig, um den Lernerfolg zu sichern. Auch an die Handwerksbetriebe und Bauunternehmen werden neue Herausforderungen gestellt: Ein Tag weniger Präsenz bedeutet nicht automatisch, dass die Lernenden mehr Zeit für Arbeit haben. Betriebsleitung und Mitarbeitende müssen sich bewusst sein, dass diese Zeit für das selbstbestimmte Lernen sowie Übungen im Betrieb benötigt wird. Diese selbstgesteuerten Lernzeiten sollten unbedingt als positive Investition in die Zukunftsfähigkeit des eigenen Handwerks- oder Baubetriebs und nicht als Last oder Störfaktor gesehen werden.


Was empfiehlst du Verantwortlichen, die neue Lernangebote für ihre Zielgruppen entwickeln?


Planen Sie für die Lernenden ausreichend Zeit ein, Wissen praktisch anzuwenden und zu wiederholen! Oder um es mit einem plakativen Satz zu sagen: Niemand lernt Fahrradfahren, indem er ein Buch darüber liest!


Jan, wir danken dir für dieses Interview!